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 Tanz Teil 2
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Rhythmus und frühe Musik

   Den zum Tanz gehörigen Rhythmus sieht Lonsdale überall in der Natur. In der Umwelt begegnen dem Menschen regelmäßige Bewegungsabläufe, wie Wasser also  Ebbe und Flut, Wind. Auch in der Tierwelt existieren rhythmische Bewegungen und Ordnung.
   Die Frage, ob die Tiere tanzen, beantwortet der Autor in diesem Zusammenhang positiv, zumindestens für tanzähnliche Bewegungen. Sie dienen, wie der Tanz der Bienen, zur Kommunikation und Nachrichtenübermittlung. Als weitere Beispiele nennt er Tierkämpfe und tierisches Paarungsverhalten, die zum Teil stark ritualisiert sind. So erinnern Paarungstänze von Stelzvögeln durch strenge Ordnung und rhythmische Bewegungen an die Choreographie einer Quadrille.
   Weiter berichtet Lonsdale von Affen, die im Urwald tanzten und sich dabei in Kostüme aus Ranken und Ästen hüllten.
   Auch der Mensch, so der Autor, ist ein natürliches, rhythmisches Wesen. Er wird geprägt durch körperliche Rhythmen und Bewegungen wie zum Beispiel Herzschlag, Atem, Gang.  Auch Sprache und Gesang folgen einer eigenen Rhythmik.
  Die Urgeschichte nimmt an, daß der Mensch des Jungpaläolithikums bereits einfache Musikinstrumente gekannt hat. Neben trommelähnlichen Hohlkörpern aus Holz oder Knochen (wie z. B Tierschädel oder Schulterblätter), auf die man mit verschiedenste Schlegeln  (Geweihstangen, Holzschläger, Knochen etc) schlagen konnte, läßt sich die Existenz von Flöten vermuten. Zusammen mit der menschlichen Stimme läßt sich so schon ein ansehnliches Repertoire von Melodien erzeugen.

Ethnologie und Mythos

    Um seine These, der Mensch sei durch Imitation zum Tanz gekommen, zu erhärten, bringt Lonsdale ethnologische Beispiele wo die exakte Imitation von Tierverhalten (Animal mimicry) erkennbar ist.
   Diese besondere Art von Pantomime wird häufig von jagenden Völkern praktiziert. Die modellgetreue Ausführung wird am lebenden Tier gemessen. So kann ein Tänzer der Javara aus Obervolta, Afrika,  das genaue Verhalten und die Bewegungen von Storch, Krokodil und Antilope nachahmen.-  Mehr metaphorisch können viele Tiertänze der Indianer Nordamerikas gesehen werden. Hier werden die natürlichen Verhaltensweisen der Tiere aufgegriffen und zu stilisierten Tanzschritten umgeformt. 
    Im Folgenden sollen einige Mythen zur Entstehung des Tanzes und zur Bedeutung der Tiere in diesem Zusammenhang wiedergegeben werden.
   Nur kurz erwähnt Lonsdale einen Mythos der Iowa-Indianer, die erzählen, wie die Menschen durch Beobachtung der Waldtänze von Schildkröten tanzen lernten. Die Dogon aus Mali, Afrika,  führen ihre Tänze auf den Urtanz von Yurugu, den Fuchs, zurück, der darin die Zukunft der Welt enthüllte.
   Mit einer Geschichte der Baule (Elfenbeinküste) wird ein Tanzentstehungsmythos erzählt, der auch das Element der Maske enthält:

   Ein alter Mann wanderte eines Tages durch den dichten Urwald nahe seines Dorfes. Er trug ein Gewehr bei sich, für den Fall, daß ihm Beutetiere begegneten. Lange ging er so ohne ein Tier zu entdecken, bis er schließlich zu einer Lichtung mit einem See gelangte. Dort sah er erstaunt, daß sich am Ufer alle Wassertiere zum Tanz versammelt hatten. Vorsichtig schlich der Alte näher zum Tanzplatz. Dabei merkte er sich jede Bewegung der Tänzer. Als er dann sein Gewehr hob und auf die Tiere schoß, ergriffen sie die Flucht zurück ins Wasser. Aber in ihrer Hast fielen die Masken, welche die Tänzer trugen, zu Boden. Der Mann hob die Masken auf und nahm sie mit. Nachdem er in sein Heimatdorf zurückgekehrt war, verteilte er die Masken und lehrte die Dörfler den Tanz der Wassertiere.

   Der Mythos folgt einem universellen Schema, in dem ein Wanderer völlig überrascht, Tanz zum ersten Mal erblickt, und ihn sowie die Masken (!) für sein Volk stiehlt.
   Die Bedeutung der Maske für den Tänzer liegt darin, daß sie sein vielsagensdes Körperteil (Kopf und Gesicht) verbirgt. Sie ist damit wichtiges Hilfsmittel für den Tiergestaltswandler, das ihm erlaubt eine andere Identität anzunehmen. Wird die Maske aufgesetzt, so geht der dargestellte Geist in die Maske über, fährt die spirituelle Energie von dort in den Tänzer.
   Für die Zuschauer ist nur noch diese Maskenidentität erkennbar.
   Ein völlig anderer Tanzmythos betont die Bedeutung der Trommel. Sie stammt aus Zaire (Kongo-Fiote).

   Die mächtige Prinzessin Nzambi Mpunga schuf die Welt und alle ihre Bewohner. Nur ein Ding hatte sie vergessen und das war die Trommel. So kam es, daß die Leute nicht tanzen konnten. In einem kleinen Dorf in der Nähe ihres Hofes lebte Nchonzo Nkila, die Bachstelze (der Vogel soll laut Lonsdale in diesem Zusammenhang den Menschen symbolisieren). Diese Bachstelze arbeitete Tag und Nacht bis sie die erste Trommel gebaut hatte. Als die Prinzessin den Klang der Trommel vernahm, wurde sie ärgerlich weil die Bachstelze im Gegensatz zu ihr tanzen konnte. Sie schickte verschiedene Boten um die Trommel zu holen. Aber die Antilope, die Hyäne und der Büffel waren beim Diebstahl erfolglos und wurden getötet. Erst die Ameise brachte die Trommel.
   Daraufhin versammelte die Prinzessin ihr Volk zum großen Tanz bei dem sie die Trommel schlug. Die Bachstelze ärgerte der Diebstahl und sie ging zu Prinz Neamlau, der in dieser Angelegenheit Richter sein sollte. Sein Urteil gab dem Kläger recht. Zwar habe die Prinzessin alles erschaffen, doch habe sie dem Menschen bei der Geburt keine Trommel gegeben um ihre Gefühle im Tanz auszudrücken. Die Bachstelze dagegen habe die Trommel für den Tanz gefertigt und besäße das Recht darauf.

   Interessanterweise gibt es in Afrika häufig tierförmige Trommeln z.B. in Form stilisierter Kühe...
   Manche Trommeln imitieren auch Tiergeräusche. So produziert die sog. Leopardtrommel den Schrei eines wilden Tieres, eine andere wird bei Regentänzen geschlagen, wo sie das Geräusch des Spechtes (des Regenbringers) darstellt.

Der Tanz des Lebens  

Tanz markiert wichtige Stationen im Lebenszyklus des Individuums. Es gibt Tänze zu Geburt, Wachstum, Reife und Tod etc. Tanz bedeutet Leben. Es kann vorkommen, daß jemand, der aus Altersgründen nicht mehr in der Lage ist zu tanzen, dadurch den sozialen Tod erleidet.
   Anders betrachtet, beginnt der Tanz aber bereits im Mutterleib. Hier findet sich wieder eine mythologische Verknüpfung von Leben, Tanz und bestimmten, tierisch geprägten, Vorstellungen.

Kil-Oeh

Bild: Christel Scheja

  In vielen Mythen über den Beginn des Lebens wird von einer Art vorgeburtlichem Tanz erzählt. Haarlose, weichhäutige Tiere wie beispielsweise Fisch oder Schlange, bekannt für ihre Schwimmbewegungen, repräsentieren dabei den tanzenden Fötus.
   Fischtänze symbolisieren in vielen Teilen der Welt den Anfang des Lebens. So veranstalten die Dogon aus Mali alle 60 Jahre ein großes Tanzfest. Tänzer, als Fische verkleidet, stellen hier symbolisch die Wiedergeburt des Menschen dar.
   In New Ireland gibt es einen Mythos darüber, wie der Mensch den Tanz erlernte.

   Eines Tages versammelten sich alle Fische und Meerestiere am Rand der See. Sie tanzten miteinander und führten stolz ihre Künste vor, denn sie hatten den Tanz erfunden. Die Vögel, die sie vom Wald aus beobachteten, waren deswegen sehr eifersüchtig. Sie versuchten gewaltsam am Tanz teilzunehmen, wurden jedoch zurückgeschlagen. Da holten sie ihre Waffen und trieben die Meeresbewohner zurück ins Wasser. Nun tanzten die Vögel, indem sie die Bewegungen der Fische nachahmten. Viel später erst lernten die Menschen von ihnen den Tanz.
   Lonsdale sieht hierin die symbolische Darstellung der evolutionären Entwicklung vom Wasser zum Land. -
   Wie der Fisch für den Fötus steht, so ist die Schlange oft mit der Geburt selbst assoziiert. Lonsdale erinnert an die Geburt Buddhas von einer kosmischen Schlange und an Herakles, der schon in der Wiege zwei Schlangen tötete. Deutlicher wird die Verbindung bei den Dogon, die die Geburtsbewegungen der Gebärenden mit denen einer Schlange vergleichen. Die Schlange Nummo lehrte die Dogon laut ihrer Mythologie den Tanz. 
   Schließlich kann der Geburtsvorgang selbst als Tanz verstanden werden, in dessen Verlauf sich das Kind von der Mutter trennt. An seinem ersten richtigen Tanz nimmt das Kind dann auf dem Rücken oder den Armen der Mutter teil. Der Lernprozeß hat begonnen.
Abschließen will ich mit den Worten des Aristoteles. Er behauptete, daß Imitation für den Menschen von Kindheit an natürlich sei, und er durch Nachahmung lerne.
   
     
  Literatur
  Lonsdale, Steven: Animals and the Origins of Dance. / Thames and Hudson, New York, 1982

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