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Der folgende Text stützt sich weitestgehend auf „Animals and the origins of dance“, einem ethnologischen Werk von Steven Lonsdale. Er bezieht jedoch ebenfalls urgeschichtliche Quellen ein und erhebt natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. |
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Leben als Tanz - Eine ethnologische Betrachtung
Die Urgeschichte Um zum Ursprung von Tanz zu kommen, blicken wir zurück ins Jungpaläolithikum (Jüngere Altsteinzeit) Europas. So bezeichnet die Vorgeschichte den Zeitraum von ca. 40.000 bis 10.000 vor Chr. Der Abschnitt ist durch die 14 C-Methode datiert worden d. h. die Jahre entsprechen nicht den Sonnenjahren. Erste Darstellungen von Tanz finden sich in Höhlen. Während Tiere und Menschen anfangs in symbolischem Stil abgebildet wurden (Körperteile oder Fährten stehen dabei für das ganze Tier/Individuum) tauchen später naturalistischere Abbildungen auf. Die verwendeten Techniken sind Gravur, teils koloriert, und Malerei, die beide an Wohnplätzen (Höhlen und Abris = Felsüberhänge) entdeckt wurden. Es existieren jedoch auch sogenannte Höhlenheiligtümer. Das sind Höhlen, bzw. Räume in Höhlen, die oft schwer zugänglich sind. Hier wohnte man nicht, vielmehr wurden diese Heiligtümer nur zu besonderen Gelegenheiten aufgesucht. Sie sind im Zusammenhang mit Schamanismus (der im Jungpaläolithikum erstmalig belegt werden kann) und Jagdzauber zu sehen. Die Bilder zeigen sowohl Tiere in ihrer natürlichen Umgebung als auch Tiere als Jagdbeute (z B. mit Speer im Leib.) Lonsdale sieht hierbei den Hinweis auf Bildmagie d. h. der Vorgang des Tötens beginnt am Bild. Erst wird das Tier symbolisch getötet, um dann später bei der Jagd leichter erlegt werden zu können.
Maske und Kostüm
Eine weitere Methode, Tiere zu manipulieren, ist die pantomimische Nachahmung ihrer Bewegungen. Letztere soll das Tier oder den Tiergeist verführen, ihm schmeicheln und ihn umgarnen. Dies war wohl Aufgabe eines Schamanen oder Gestaltswandlers, der sich dazu auch verkleidete, bzw eine Maske trug. Lonsdale zitiert hierzu eine Definition von Aniela Jaffe. „Tanz war ursprünglich nicht mehr als die Vervollständigung der Tierverkleidung durch entsprechende Bewegungen und Gesten.“ In der französischen Höhle von Gabillon existiert die zentral gelegene Darstellung eines Mannes: Er trägt ein Wisentfell mit Schädel über Kopf und Körper, so daß nur noch seine Beine hervorschauen. Bilder von wohl tanzenden Menschen mit Masken finden sich zum Beispiel in Abri Mege bei Teyat, ebenfalls in Frankreich auf einem Lochstab aus Hirschgeweih. Genauso gibt es Darstellungen von Tänzern die sich etwa als Vögel, Wisente, Rentiere oder Mischung verschiedener Tiere kostümiert haben. Zur Illustrierung soll hier der sogenannte „Magier von Trois Freres“ dienen. Er ist in Schrittstellung abgebildet und besitzt ein Hirschgeweih, Tierohren, einen Eulenschnabel, Vordertatzen, runde Augen und einen Bart. Die 2 Meter große Figur ist also Tier und Mensch gleichermaßen. Neben Maske, Kostüm und ungewöhnlichen Bewegungen spricht noch das Vorkommen von sogenannten Tanzstäben oder Musikbögen dafür, daß die Abgebildeten tanzen. So befindet sich die Darstellung eines in ein Wisentfell gehüllten Mannes, dem ein Musikbogen zugeordnet wird, ebenfalls in Les-Trois-Freres. Aber es existieren noch weitere Indizien zu Tanz oder Pantomime. So erhielten sich im Ton der Höhle von Tuc d ‘Audubert (die neben Trois-Freres liegt) viele Fußabdrücke von Kindern und Jugendlichen. Im hinteren Teil der Höhle wurden zwei aus Ton modellierte, ca. 60 cm große Wisente entdeckt. Die sehr naturgetreuen Reliefs lehnten an einem Stein mit einer gravierten Darstellung desselben Tieres. In der Nähe fand man über 50 Ferseneindrücke (ohne Spann und Zehen) eines Jugendlichen. Sie waren unüblich angeordnet und Lonsdale nimmt an, daß jemand dort die Bewegungen des Huftieres nachgeahmt hat. Da in dieser Höhle ein Armband und das Skelett einer nicht dort vorkommenden Viper gefunden wurden, sieht die Urgeschichte einen möglichen Zusammenhang mit Initiationsriten. Die Künstler der genannten Volphöhlen lebten etwa um 14.000 v. Chr. |
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Bild: Linda Budinger |
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Tier und Tanz
Warum ist der Ursprung menschlichen Tanzes in der Beobachtung und Imitation der Tierwelt zu suchen? Lonsdale erklärt dies folgendermaßen. Das Leben des vorgeschichtlichen Menschen war eng mit Tieren verbunden. Sie begegneten ihm in der Umwelt und er fühlte eine gewisse Verwandschaft mit ihnen. Er besaß Freunde darunter, Helfer und Gefährten wie zum Beispiel den Hund, seine Beute- und Totemtiere. Aber unter den Tieren hatte er auch gefährliche Feinde bzw Nahrungskonkurrenten. Der Mensch war abhängig von Tierpopulation und gleichbleibendem Verhaltensweisen der Beutetiere nach denen er sich für den Jagderfolg richten mußte. Das Tier beeinflußte ihn aber auch auf der nicht materiellen Ebene. Auf der Suche nach seinen Wurzeln, zur Auslebung seiner Instinkte näherte der Mensch sich seinen tierischen ‘Brüdern’ durch imitativen Tanz. Zum einen verkörpern Tiere gewisse Eigenschaften die der Mensch bewundert und sich durch Nachahmung aneignen möchte. So beispielsweise Stärke, Mut, Geschwindigkeit etc. Gleichzeitig will er die Tierwelt kontrollieren und beherrschen (Jagd). Schließlich betrachtet der Mensch Tiere auf einer weiteren Ebene als Mittler zur Geister- und Götterwelt. Hier setzt nun der transzendente Aspekt des Tanzes ein. Der Schamane oder Gestaltswandler vereinigt sich in ekstatischen Tänzen mit seinen tierischen Hilfsgeistern. Tiere sind Mittel und Mittler um ihn zur Trance und damit in göttliche Bereiche zu transportieren. Indem der Schamane das Tier tanzt, unterstützt von Maske und Kostüm, wird er zum Tiergeist oder der Gottheit und erfährt die Geheimnisse des Lebens. Tanz bildet so die Brücke zwischen Himmel und Erde, Lebenden und Unsterblichen. Diese Verknüpfung von Tanz, Tierform und geheimem Wissen entdeckt der Autor auch in der griechischen Mythologie. Dort teilt der tanzende Weise Proteus sein Wissen nur mit dem, der ihn im Ringkampf besiegt. Während des Kampfes verwandelt Proteus sich in verschiedene Tiere, zum Beispiel Löwe, Eber, Schlange, Leopard und in Naturformen wie Baum und Wasser. Der griechische Schriftsteller Lukian sagt über den Meeresgott: Proteus ist nichts anderes als der imitierende Tänzer.
Auch Satyre (= Faune, gehörnte, bärtige Wesen mit Bockfüßen) und Silen (Walddämonen mit Pferdeohren und -schweif), für ihre Prophetengabe bekannt, weisen Tierattribute auf und tanzen. Der indische Gott Shiva, oft als „Meister des Tanzes“ bezeichnet, wird in Tierfelle gekleidet dargestellt. Zugeordnet sind ihm Tiger, Schlange, Löwe, Stier und eine Trommel mit der er den Rhythmus der sichtbaren Welt, Shivas Tanz genannt, schlägt. |
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Bild: Linda Budinger |
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