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In der Mythologie hat sich jedoch ein überwiegend negatives Bild des Wolfs durchgesetzt: „Die Erde; das Böse, das alles Verschlingende; Wildheit, Wölfe und Raben sind oft Begleiter von Totengöttern in Naturreligionen...“ In Ägypten wurde der Gott Upuaut als aufrecht gehender Wolf oder Mann mit Wolfskopf dargestellt. Ursprünglich der Stadtgott von Asyut (=Lykopolis) in Mittelägypten und als Kriegsgott, Anführer der königlichen Vorhut, wurde er später zum Rächer von Osiris und „Öffner der Wege“. Auch als Khontamenti geleitet er die Seelen der Toten in das jenseitige Reich. Oft wird er am Bug einer Barke, Charon ähnlich, dargestellt. Den Griechen und Römern war er Ares/Mars als Gott der Wildheit geweiht, aber auch dem Apollo und Silvanus heilig. Jeder kennt wohl die Legende von Romulus und Remus, die von einer Wölfin gesäugt wurden und mit der Wolfsmilch Tapferkeit und Mut aufnahmen. Für die Juden stand der Wolf (Moses 49,17) für Blutdurst, Grausamkeit und den verfolgenden Rachegeist. Auch in asiatischen Mythen blieb der Wolf die reißende Bestie. Kurios am Rande: Für die Azteken war der heulende Wolf der Gott des Tanzes. Die Germanen standen den Wölfen zwiespältig gegenüber. Einerseits schätzten sie deren Tapferkeit, Mut und Ausdauer und gaben ihren Kindern entsprechende Namen, damit sich diese Eigenschaften auf sie übertrugen. Der Wolf war ein Sinnbild des Kriegers, was auch die Eigennamen ausdrücken: Wolfdietrich (Dietrich: „Herrscher des Volkes), Wolfgang (ganc= „Gang“, Waffengang), Wolfger (ger= „Speer“), Wolfgund (gund= „Kampf“), Wolfhard, Wolfhelm, Wolfhild, Wolfram (wolf und hraban = „Rabe“), Wolftraut. Andererseits verfolgten die Bauern die Raubtiere erbarmungslos, wenn diese sich an ihrem Vieh vergriffen - etwas, das sie mit vielen anderen Völkern gemein haben. Fenrir oder Fenrisúlfr hieß der Wolf, den Loki mit der Riesin Angrboda zeugte. Trotz der Falschheit seines Vaters erlaubte Odin dem Wolf aber, in Asgard zu leben, in der Hoffnung, man könne seine Wildheit zähmen. Das war allerdings ein Trugschluß. Fenrir wuchs zu riesiger Größe heran und wurde noch unbezähmbarer. Den Göttern blieb schließlich nichts anderes mehr übrig, als Fenrir mit der Kette Gleipnir (die aus Teilen bestand, die es eigentlich nicht geben dürfte: dem Bart einer Frau, dem Atem eines Fisches, dem Speichel eines Vogels...) zu binden und unter die Erde zu verbannen. Weil er da so erbärmlich brüllte, stießen sie ihm ein Schwert ins Maul, das seine Kiefer spreizte. Bis Ragnarök soll er dort, unter der Erde, verweilen. Der Wolf als reißende Bestie, der u. a. dem Gott Tyr die Hand abbeißt und auch sonst nicht zu bändigen ist geisterte fortan durch viele Legenden und Sagen, später auch Märchen. „Isegrimm, Grimmwolf, Grimmzahn“, diese Bezeichnungen kommen nicht von ungefähr... immer wieder ist der Wolf der Verschlinger, die blutgierige Kreatur, die ihren Hunger um jeden Preis stillen muß. Die Kelten schilderten den Wolf als lebenserhaltend und zerstörend: der Sagenheld Cormac mac Art wurde gleich nach der Geburt von einer Wölfin verschleppt und von ihr großgezogen. Als er König wird zieht seine wölfische Familie mit nach Tara und er beschützt sie und ihre Nachkommen fortan. Der gerechte König Conaire Mor regelt sein Verhältnis zu den Wölfen sogar vertraglich: sieben halten sich als Bürgen an seinem Hof auf, so daß keiner ihrer freien Brüder mehr als ein Stierkalb pro Jahr reißen darf. Nach einem heftigen Kampf liegt Mac Cuille verwundet auf dem Schlachtfeld, bis eine Frau des Weges kommt und einen „mähnigen Wolf“ aus seiner Schulter zieht und ihm so das Leben rettet. Der Wolf ist für die Kelten aber auch wieder der Zerstörer, der Verschlinger der Sonne, das reißende Raubtier. Sie erkannten auch die nahe Verwandtschaft zum Hund an: „cullaidh“ (altirisch „Wildhund“), „faolchu“ (mod. Gälisch) enthalten beide die Silbe Cu (= Hund). Nicht wegzudenken aus der inselkeltischen Sagenwelt waren die Verwandlungen der Helden in Tiere. Auch Wolfsgestalt wurde da gewählt: Gwydion und Gilvanethy müssen ihre Strafe in Wolfsform abbüßen, die Morrigu attackiert Chuchulainn unter anderem als Wölfin, der Seher Mongan verwandelt sich in einen Wolf... Die Christen übernahmen viele dieser Vorstellungen und verquickten sie mit ihrer eigenen Glaubenslehre. So wurde der Wolf zu einer Verkörperung des Teufels, des Bösen, dem Verderber der Herde (der Gläubigen Menschen mit dem Priester als Hirten), dem Sinnbild von Grausamkeit, falschen Propheten und Ketzerei. Da man lange annahm, daß der Wolf den Hals nicht drehen könne, stand er sprichwörtlich für halsstarrige Menschen, die ihre Meinungen, Ansichten und den Glauben nicht ändern wollten. Die Wildheit des Raubtieres wurde auch hier durch die Sanftmut des heiligen Franziskus von Assisi besiegt, der den Wolf zähmte. Zusammen mit den keltischen Verwandlungsmythen und der rauhen nordischen Darstellung entstanden die Werwolfsmythen wie wir die heute kennen... Schon die Römer kannten solche Geschöpfe. Vergils „Achte Ekloge“ beschreibt einen Zauberer, der sich mittels einer giftigen Pflanze in einen Wolf verwandelte und Petronius’ „Satyricon“ enthält eine Anekdote über einen Gestaltwandler, der in seiner Wolfsgestalt verletzt wurde und in Menschengestalt eine identische Wunde aufwies. Allerdings erachteten die Römer solcherlei eher als Sklavenmärchen, deren Wahrheitsgehalt gering war. Anders im Mittelalter. Selbst gelehrte Männer waren geneigt, an Werwesen und ähnliche Geschöpfe zu glauben und diskutierten auf welche Art und Weise sich Menschen in Werwölfe verwandeln konnten - einige nahmen an, daß dies mit Hilfe des Teufels durch eine körperliche Transformation geschähe, andere waren der Ansicht, daß nur der Geist eines Mannes in den Körper eines echten Wolfes fahren, und er somit dessen Körper kontrollieren würde. Alles belegt durch Prozessakten aus dem 16.Jh., in dem mehrere Männer dieses Verbrechens angeklagt waren. Der Werwolf wurde im Volksglauben allerdings mehr als unfreiwilliges oder unwissentliches Opfer eines Fluchs, Unglücks oder Zaubers betrachtet. Gerne wurden auch sexuelle Sünden der Eltern dafür angeführt. Sie wurden etwa dafür bestraft, weil sie das Kind an einem hohen, christlichen Feiertag gezeugt hatten. In der Gegend von Perigord in Frankreich nahm man an, daß Bastarde von Priestern zu Werwölfen wurden. Ausschweifung, Zügellosigkeit, das alles wurde den Wölfen in die Schuhe geschoben. Das Märchen vom Rotkäppchen, daß seine Großmutter im Wald besuchen will und dabei den Wolf begegnet, wird psychologisch auch als Gier des zügellosen Mannes nach der jungen Unschuld, und die Faszination dieser Begegnung gedeutet. Männer mit zusammengewachsenen Augenbrauen und/oder starker Behaarung haben etwas von einem Wolf in sich - sie lassen der Bestie eher freien Lauf. Als Reittiere von Dämonen (heidnischen Göttern) und Hexen oder Zauberern taten sie ein übriges, um verdammungswürdig zu sein. In der Alchemie stand der Wolf mit dem Hund zusammen als Symbol für die Doppeldeutigkeit des Merkur (Quecksilbers).
Phantastik Die Phantastik des ausgehenden 19. Jh. entdeckte den Werwolf schließlich neben dem Vampir und anderen mythologischen Geschöpfen für sich: Da gab es den düsteren Schloßherrn, der in den einsamen Wäldern Osteuropas oder in den zerklüfteten Bergtälern lebte und sein noch dunkleres Geheimnis zu verbergen suchte. Den Angehörigen eines alten Adelsgeschlechtes, den der Fluch seiner Familie zu jeder Vollmondnacht trifft, und der nur selten befreit werden kann. Das Biest, die ein schönes Mädchen in sein Schloß entführt, weil ihn nur die Liebe befreien kann, ist auch zu großen Teilen ein Wolf. Die Romane und Filme enden meistens traurig, weil der Betroffene die „Bestie in sich“ nicht bezähmen kann und unschuldiges Blut vergießt. Selbst Stevensons „Mr. Hyde“ hat etwas sehr Wölfisches an sich. Zu töten ist ein Werwolf in den neuen Mythen nur durch (geweihtes) Silber (ironischerweise das Metall des Mondes, des Gestirns, unter dem der Mensch zum Werwolf wird), in seinem Tun nur aufzuhalten durch Sanftheit und Liebe - der Kreis zur Vergangenheit schließt sich also wieder. Positive Darstellungen von Wölfen gibt es allerdings auch, wenn nur wenige: Naturkinder werden wie Kiplings „Mogli“ aus dem „Dschungelbuch“ meist durch Wölfe aufgezogen, die ihnen den Mut und die Tapferkeit mitgeben, ihre grausamen Feinde aus dem Menschen- und Tierreich (etwa „Shir Khan“, den Tiger) zu besiegen.
Fantasy In der Fantasy finden wir den Wolf zunächst auf der Seite der Bösen - bei Tolkien reiten die Orks teilweise auf Wölfen, viele barbarische Helden müssen sich im Kampf mit Wölfen erstmals bewähren: angefangen mit Conan und Kull. Wolfskrallen und -felle werden von ihnen als Beweis ihres Mutes und ihrer Tapferkeit getragen. Finstere Zauberer oder Hexen verwandeln sich meistens in wolfsähnliche Bestien oder senden diese aus, um den/die Helden abzuschlachten. Ein weitaufgerissenes Gebiß aus dem der Geifer tropft, rotglühende, blutunterlaufene Augen, zum Sprung ansetzend oder über ihrem Opfer kauernd - so werden Wölfe gerne auf den Illustrationen dargestellt. Wolfsgeheul kündet meistens Unheil an, und schon für die erste Rollenspielergeneration gehörte der Wolf zu den Standard-Monstern.
Je weniger die Wölfe zur Bedrohung des täglichen Lebens werden - und heute ist es fast unmöglich einem, in freier Wildbahn lebenden Wolf zu begegnen, wenn man nicht gerade Wissenschaftler oder Wildhüter ist, desto faszinierender werden sie - und zu Kultgeschöpfen. Seit den späten 70ger Jahren ist im phantastischen Genre ein Wandel eingetreten: In den Urzeit-Romanen wird die Domestizierung des Wolfes zum Hund, dem „treusten Freund des Menschen“ gerne geschildert, und in die schamanistische Magie fließen nun mit Vorliebe die positiven mythologischen Überlieferungen der Naturvölker mit ein. In dem Comic „Abenteuer in der Elfenwelt“ (Elfquest) gehen die Elfen eine Blutsverwandtschaft mit Wölfen ein, um auf der harschen Welt, auf der sie strandeten, zu überleben. Ein Stamm, die „Wolfsreiter“, dadurch sterblich geworden, wurde zu Brüdern und Schwestern ihrer Reittiere. Das Rudel als - zwar hierarchische, aber doch zusammenhaltende, und einander beschützende Gemeinschaft - ist zu einer nachahmenswerten Tugend geworden. Wie zuvor schon Vögel oder Pferde gibt es auch Wölfe, die mit Menschen telepathische Gemeinschaften eingehen, um diese zu unterstützen und zu beschützen (wie in Tara K. Harpers diesen Sommer bei Goldmann erscheinenden Science-Fantasy-Serie „Wolfwalker“). Manchmal sind sie auch intelligente Zaubergeschöpfe wie Mercedes Lackeys Kyree in den Geschichten um Tarma und Kethry (in den „...schwestern-Bänden von Fischer). In David Eddings Romanen findet Belgarath der Zauberer in der Wölfin Poledra eine treue Gefährtin, die ihm zwei starke Töchter schenkt. Manchmal scheint es mir jedenfalls so, als habe der Wolf als exotische Variante des Hundes (der zu langweilig und gewöhnlich geworden ist), den Platz an der Seite des Menschen eingenommen. Oder man möchte, um des Thrills willen, die Zähmung des Wolfes, der an vielen Orten von der Welt verschwunden ist, aufs neue vornehmen...
Quellen: -J. C. Cooper Illustriertes Lexikon der traditonellen Symbole -Jaqueline Simon „Götter und Mythen des alten Europa -Rudolf Simek: Lexikon der Germanischen Mythologie -Sylvia und Paul F. Botheroyd: Lexikon der keltischen Mythologie -John Grant: „Die Mythologie der Wikinger -S. Fischer-Fabian: Die ersten Deutschen - Der Bericht über das rätselhafte Volk der Germanen |