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 Leseprobe Goldener Wolf
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Leseprobe “Goldener Wolf” -
(Alle Rechte bei Fantasy Productions und der Autorin)

Prolog

Die Tundra

20 Jahre früher

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Nekaars Hand glitt über den Boden wie eine Schlange. Bis zum Köcher war es nicht weit, und Nekaars Finger tasteten sacht die bemalte Birkenrinde hinauf bis an die Befiederung der Pfeile. Zum dritten Mal an diesem Nachmittag lockerte der Junge die Pfeile und hoffte, dass seinem Vater die Bewegung entging.
Nekaar lag auf dem Bauch inmitten von aufragendem Gras und üppigen Rispen. Er spannte die Beinmuskeln kurz an und krümmte mehrmals die Zehen, damit seine Gliedmaßen nicht einschliefen. Schließlich wollte er schnell und sicher auf den Füßen sein, wenn endlich der Ruf zum Losschlagen kam.
Nekaars Linke hielt den Bogen, der lederumwickelte Griff war schweißnass. Heute war seine erste Jagd, und obwohl Nekaar einen einfach zu spannenden Kinderbogen trug, war das doch eine richtige Waffe und kein Spielzeug.
Gerade außer Reichweite der Bogen ästen wilde Karene, unter dem Schutz dreier Wächtertiere, die nach allen Richtungen sicherten und die Nase in die Luft hoben. Aber der Nachmittag war windstill und so gelangte keine Witterung in ihre geblähten Nüstern, kein Laut an ihre Lauscher. Die Beute ahnte nichts von den Jägern und fühlte sich sicher.
In der Mitte der gewaltigen Herde befanden sich die Karenkühe mit den Kälbern. Übermütig sprangen die Jungtiere in spielerischen Gefechten aufeinander los.
Schwüle Sommerluft brütete über der Tundra. Durch das Gras, in dem sich die Jäger verbargen, summten Fliegen und andere Insekten.
Nekaar stand der Schweiß auf der Stirn, doch er wagte nicht, ihn abzuwischen. Er sollte sich so wenig wie möglich bewegen, das hatte ihm sein Vater eingeschärft. Doch es war gar nicht so einfach, lange Zeit stillzuhalten, wenn die Kleider am Leib klebten und einem die Karen-Fliegen um den Kopf schwirrten.
Eine Fliege war besonders dreist und ließ sich in Nekaars Augenwinkel nieder. Der Junge blinzelte heftig, um das Tier zu vertreiben. Die Hand konnte er nicht heben, denn das Tundragras war ausgedörrt und trocken; es raschelte bei der kleinsten Bewegung. Außerdem würde es auffallen, wenn die langen Halme zitterten, obwohl kein Wind ging.
Wenn Nekaar die Jagd durch eine unbedachte Bewegung störte, gab es Schelte vom Vater. Oder schlimmer noch, der Lahti der Tamani-Lie würde ihn bei der nächsten Jagd zu Hause lassen.
Die Beine der Fliege kitzelten, als das Insekt über seine Wimpern tastete. Nekaar schob die Unterlippe vor und blies kräftig zum Auge hoch. Die Fliege schwirrte fort. Nekaar seufzte und entspannte sich.
Aber schon ließ sich das Mistvieh auf seinem Ohr nieder.
Nekaar versuchte, die Plage mannhaft zu ertragen. Aber er musste doch zusammengezuckt sein, denn einer der niedergedrückten Halme löste sich und schnellte hoch.
Nekaar wollte das Gras festhalten, doch im letzten Moment stockte er. Die Bewegung hätte noch mehr Aufmerksamkeit erregt und seinen Standort preisgegeben. Mit klopfendem Herzen sah Nekaar zu, wie der Grashalm gegen einen anderen stieß, und dieser wiederum einen weiteren Stängel erzittern ließ.
Dann endete die Bewegung an einem abgeknickten Halm, der zwischen Grasbüscheln verkeilt war.
Nekaars Blicke huschten von einem der Wachtiere zum anderen. Alles blieb friedlich.
Glück gehabt.
Seinem Vater war der Vorfall jedoch nicht entgangen. Er tadelte Nekaar mit einem einzigen Blick unter zusammengezogenen Brauen, bei dem dem Jungen trotz der Hitze kalt wurde. Wenn Karene einmal aufschreckten, rannten sie kopflos davon und die Jäger mussten eine neue Herde ausfindig machen.
Nekaar blinzelte zum Zeichen, dass er verstanden hatte.
Während des kurzen, reichen Sommers mussten die Jäger für Fleischvorräte sorgen. Bei ihrer herbstlichen Wanderung Richtung Süden waren die Nivesen zu sehr mit den Herden beschäftigt, und im Winter wurde das Wild knapp. Dann lebte der Stamm von den gehorteten Nahrungsmitteln.
Nur in der Not würde man ein zahmes Karen im Winter schlachten, wo die mageren Tiere selbst hungerten. Gedeih und Verderb des Stammes hingen daher am Jagdglück und dem Geschick der Sammler, die Beeren, Wurzeln und Pilze suchten. Aber Pilze sammeln war langweilig, fand Nekaar. Doch hier, auf stundenlanger Lauer, stellte er fest, dass auch die Jagd nicht so aufregend war, wie er sie sich vorgestellt hatte..

tundra

Die Luft war noch drückender geworden. Nekaar verspürte Durst, aber natürlich war nicht daran zu denken, den Wasserbeutel vom Gürtel zu lösen. Der Durst musste warten. Der Junge ertappte sich dabei, wie er für Momente träge die Augen schloss. Die Sonne brannte so heiß!
Im Laufe des Nachmittags kamen die äsenden Karene langsam näher. Auch die Tiere nutzen den Sommer, um sich eine Speckschicht für den Winter anzufressen.
Jetzt waren sie bloß noch fünfzig Schritt von den versteckten Jägern entfernt. Nekaar wurde munter und spähte zum Lahti hinüber. Worauf wartete der Jagdführer?
Plötzlich kam Wind auf. Er strich durch die raschelnden Halme, und sie wisperten. Beinahe wie das Geflüster der Schamanin, wenn sie den Krankheitsgeist aus einem fiebernden Kind vertrieb.
Der Wind schob eine Rispe an Nekaars Nase. Er unterdrückte ein Niesen. Beim nächsten Mal würde er bei der Wahl seines Verstecks besser Obacht geben, das schwor er.
Nekaar blinzelte zwei Tränen fort und stutzte. Lag es an den tränenden Augen, oder war es wirklich von einem Augenblick auf den anderen finster geworden?
Am Himmel zog eine dunkle Wolkenwand über die Sonne. Ihr graues Zentrum zerfaserte zum Rande hin gelbgrün, wie in Eiter getaucht. Mit einem Mal zuckte ein Blitz herab und blendete Nekaar.
Dann krachte der Donner, so laut wie ein Trommelschlag in seinem Kopf. Nekaar riss die Hände hoch und bedeckte die Ohren, bis der Knall verebbte.
Das war kein Gewitter, nur ein vereinzelter Blitz.
Doch dann hörte Nekaar ein Donnergrollen, das immer lauter und lauter wurde und alle anderen Geräusche aus seiner Wahrnehmung drängte.
Hufe trommelten über den ausgetrockneten Boden. Karene stürmten in Panik auf ihn zu wie eine Wand aus Fell und Hörnern. Vorneweg raste die Leitkuh, den Schwanz warnend emporgereckt. Hinter ihr rannten die kräftigen Jährlinge, Hälse gesenkt und die Köpfe mit dem Geweih vorgestreckt. Diese Spitzen konnten einen Mann durchbohren wie ein Messer.
Die anderen Jäger hechteten zur Seite. Einigen gelang es noch, Pfeile abzuschießen. Ein paar Karene brachen zusammen. Aber die verängstigten Tiere dahinter kannten kein Halten mehr und setzten einfach über die toten Artgenossen hinweg. Ein Kalb wurde umgerissen und in den Boden gestampft.
Auch Nekaar sprang auf, knickte aber ein und stürzte zu Boden. Ein grausamer Schmerz wütete in seinem Oberschenkel – ein Krampf.
Die Zeit schien stillzustehen. Er musste augenblicklich hier fort oder er würde ebenso zertrampelt wie das Kalb. Ein Karen allein wirkte zierlich, aber die Kraft der voranstürmenden Herde glich einer Naturgewalt.
Nekaar versuchte, wieder auf die Füße zu kommen, doch sein Bein ließ ihn im Stich. Er kroch fort, aber langsam, viel zu langsam, um den wirbelnden Hufen zu entkommen.
Einige Jäger hockten am Boden und streckten den Speer vor, in der Hoffnung, die Tiere damit zu einem Sprung zu zwingen. Doch Nekaar hatte keinen Speer und war nur halb so groß wie die Erwachsenen.
Sein Vater bemerkte Nekaars missliche Lage. Er winkte. Seine Lippen bewegten sich, aber alles ging unter im Donner der Herde auf der trockenen Steppe.
Kaum zehn Schritt trennten die Herde noch von Nekaar. Sein Vater schleuderte die Wurfkeule, und der Bock seitlich der Leitkuh brach in die Knie. Aber sie wich nur aus und stürmte weiter.
Sein Vater kämpfte sich voran. Er hatte Nekaar fast erreicht und streckte die Arme nach ihm aus. Doch dann wurde er von einigen Karenen abgedrängt. Er stürzte.
Liska, nein!
Nekaar duckte sich und wollte am Boden Schutz suchen. Er riss die Arme hoch, um den Kopf vor Tritten zu bewahren.
In diesem Moment zuckte etwas durch sein Inneres wie ein zweiter Blitz. Nekaar spürte, wie sich eine gewaltige Macht Bahn brach. Er musste sich und seinen Vater retten. Die Erkenntnis, wie er das tun sollte, erblühte in seinem Kopf wie eine aufspringende Knospe.
Nekaar blickte auf und fasste das Leittier genau ins Auge. Alle Angst fiel von ihm ab wie ein zu eng gewordenes Gewand aus Birkenbast. Er starrte der Leitkuh in die Augen und erkannte, wie sich ihr Blick veränderte. Die weit aufgerissenen Augen wurden normal, ihr Ausdruck sanft. Der Schwanz sank herab. Aber zu spät.
Unmöglich konnte die Leitkuh ihren rasenden Lauf noch verzögern. Ihre Beine wirbelten über den Boden wie Flammen über einen Scheiterhaufen.
Da riss sie den Kopf herum und schaute zurück.
Wenn ein Leittier zurücksah, war das eine Warnung an alle. Stehen bleiben. Gefahr!
Sie erreichte nur die Tiere unmittelbar hinter ihr, doch die Karene fächerten weiter auseinander und verlangsamten ihr Tempo. Elegant sprang die Leitkuh über Nekaar hinweg, die anderen Karene folgten ihrem Beispiel.
Die rasende Flucht kam zu einem Halt.
So rasch, wie er begonnen hatte, war der kopflose Lauf der Karene auch wieder zu Ende.
Nekaar rannte zu seinem Vater und umarmte ihn, als wollte er ihn nie wieder loslassen.

Völusa, die Wolfssprecherin, tastete den Jungen ab. Sie war auch die erfahrenste Heilerin ihres Volkes. Die Schamanin tat, als würde sie die Worte der Jäger nicht wahrnehmen, doch sie hörte sie nur zu genau. Die Jäger erzählten eine phantastische Geschichte, wie Nekaar inmitten einer wild gewordenen Karenherde unbeschadet geblieben war. Ja, er sollte sogar die Leitkuh beruhigt und die Herde zum Stillstand gebracht haben.
Mit einem hatten die Männer Recht: Nekaar war vollkommen unverletzt. Die Geister mussten mit dem Jungen gewesen sein.
Völusa summte eine leise Melodie, eintönig und einschläfernd. Schnell glitt sie in eine leichte Trance. Auch der Junge hielt jetzt ganz still.
Mit halb geschlossenen Augen musterte die Kaskju den Helden des Tages. Nekaars rostrotes Haar, die dunklen Augen, das leichte Sommerhemd voller Grasflecke - nichts unterschied ihn von dem Knaben, der heute bei Tagesanbruch auf seine erste Jagd gezogen war. Äußerlich war er immer noch der gleiche Nekaar.
Aber innen, da fühlte die Schamanin der Tamani-Lie etwas, das zuvor noch nicht da gewesen war!
Völusas Hand glitt über die Brust des Jungen, als wolle sie noch einmal die Rippen prüfen. Ja, hier, in Höhe des Herzens, da hatte sich etwas entfaltet, wie ein Schmetterling.
Eine seltene Gabe, eine Kraft.
Nekaar war genau im richtigen Alter dafür, kein Kind mehr, aber auch noch kein Mann.
Völusa hatte Geschichten gehört, dass sich Mädchen oder Jünglinge bei Todesgefahr ganz unerwartet in Wölfe verwandelten und damit ihre Herkunft als Wolfskinder offenbarten. Nur solcherart von den Himmelswölfen Erwählte konnten den Weg der Geister beschreiten.
Schon lange suchte Völusa nach einer Nachfolgerin. Aber das Geschenk der Wölfe war in ihrer Sippe stumm geblieben. Bis heute.
Solche Kraft wie Nekaar konnte nur ein Wolfskind innehaben.
Der Junge war gewitzt und wissbegierig. Sie würde ihn zu ihrem Lehrling machen und in die Geheimnisse der Geister einweihen

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